Gymnasium

Das Arnold-Janssen-Gymnasium

Vorwort

Wir standen vor dem Problem wie geht es weiter? Schon in der 3. Klasse machten wir uns auf die Suche nach einem passenden Gymnasium. Die Alternative für Dirk war: Auf ein Internat für Behinderte in Südwestdeutsches Reha-Zentrum Neckar-Gmünd (Baden Württemberg) zu geben. Doch wir wollten Dirk ja nicht abschieben. Er sollte ganz normal, wie die anderen Kinder seine Ausbildung machen.

Die Klassenlehrerin gab Dirk schon in der 3. Klasse die Bescheinigung, dass er aufs Gymnasium gehen könnte: „Von seinen jetzigen Leistungen ausgehend, wäre Dirk den Anforderungen eines Gymnasiums gewachsen“.

Wir erkundigten uns bei allen 3 Gymnasien in der Stadt St. Wendel. Doch weder im Wendalinum, das 1 Jahr vorher für Millionen umgebaut wurde, noch im Cusanus Gymnasium gab es einen Treppenlift oder eine Behindertentoilette. Beides müßte für ca. 200.000 DM pro Gymnasium eingebaut werden, so die Auskunft. Da das Wendalinum und das Cusanus Gymnasium ab der 10. Klasse Schüler austauschen, müßten beide umgebaut werden. Diese Kosten erschienen uns doch zu hoch.

Wir berieten mit der Klassenlehrerin Frau Backes welches Gymnasium in Frage käme und kamen zu dem Schluß, dass das Arnold-Janssen-Gymnasium in St. Wendel (Missionshaus) genau das richtige sei. Hier gibt es einen Lift und einen Krankenstock für die Pater der Steyler Mission und auch Pflegepersonal, das in der Lage ist Dirk auf die Toilette zu setzen.

Nachdem wir unsere Entscheidung getroffen hatten, mussten noch sehr viele Hürden genommen werden. Es ging damit los, dass wir das Einverständnis des zuständigen Kultusministeriums brauchten, mit dem Schulleiter reden und überzeugen mussten. Es war nicht nur der Rektor, sondern auch die Lehrer und Eltern zu überzeugen. Dirk verblüffte ihn bei dem 1. Treffen des Förderausschusses mit seiner klaren und bestimmten Aussage: „Ich will Latein und Griechisch lernen, da ich evtl. Paläontologe oder Astronom werden will.“ Wir fanden ein aufgeschlossenes Kollegium und verständnisvolle Eltern. In der Elternsprecherkonferenz wurde einstimmig beschlossen, dass Dirk in die Schule aufgenommen wird.

Jetzt ist alles klar, dachten wir. Doch weit gefehlt!! Es ging jetzt erst richtig los!! Das Ministerium und die Sonderschul-Leiterin machten plötzlich Probleme, obwohl vorher angeblich alles klar war. Die Sonderschul-Leiterin hat Dirk am 25. 11. 1994 nochmals 3 Stunden auf seine Intelligenz getestet. Ergebnis: IQ 134! Und das nach 4 Jahren Grundschule mit sehr guten Noten und einer TOP-Beurteilung!! Der Schulrat H. Ames, die Klassenlehrerin Frau Backes und wir haben die Welt nicht mehr verstanden. Bei Dirks Beurteilung gab es keine Zweifel, er musste aufs Gymnasium gehen! Dirk musste sich 5 Schulstunden lang einem Intelligenztest unterziehen. Mit dem Ergebnis, dass er trotz 4 Jahren Grundschule nicht dummer, sondern klüger geworden ist. Somit war auch diese Hürde gemeistert. Nun konnten wir endlich alles mit der Schule klären.

Da tauchten plötzlich die Kosten für die Fahrt zur Schule auf. Keiner wollte sie übernehmen! Bei uns steht im Behinderten-Integrationsgesetz: Die Eltern dürfen Ihre Kinder NICHT in die Schule bringen und auch NICHT dort betreuen – sprich: auf die Toilette setzen! Wir schalteten darauf den Landrat, das Kreissozialamt und das städtische Sozialamt ein. Nun wurde uns zugesagt, daß alles klar sei (mündlich – nicht schriftlich !!).

Endlich war es soweit: Der 1. Schultag auf dem Gymnasium. Alles lief und läuft bestens! Doch welch ein Schock, als wir heimkommen: Das Ministerium teilt uns mit, daß es die Kosten für die Fahrten nicht übernimmt ( 113 DM pro Tag !). Wir legten Einspruch ein. Wieder wurde die Übernahme der Fahrtkosten vom Ministerium abgelehnt! Erst als ich massiv damit drohte Dirk auf eines der anderen 2 staatliche (und miteinander verbundenen) Gymnasien zu schicken und auf die daraus entstehenden Kosten aufmerksam machte (immerhin über 200.000,– DM Umbaukosten pro Gymnasium !!), klappte plötzlich alles wie am Schnürchen. Auch der Landrat und die anderen Ämter haben uns sehr massiv unterstützt. Wir haben – und das muß man ehrlich sagen – offen Türen eingerannt. Unser Pech war leider, daß Dirk der erste schwerstbehinderte Schüler war, der auf diese Art ein Gymnasium besucht.

Doch nun sind diese Probleme erledigt. Wir müssen jetzt warten, was die nächste Zeit uns noch an Problemen bringt.

Doch zurück zur Integration in der Schule. Dirk wird von seinen Klassenkameraden akzeptiert. Es ist für ihn, wie für sie ein Lernprozess. Doch sie sind alle noch jung und ohne Vorurteile – im Gegensatz zu uns Erwachsenen! Das Lernen bereitet ihm mittlerweile sehr viel Spaß, da er wieder gefordert wird. Wir haben einen Zivildienstleistenden für Dirk organisiert – über den Verein Miteinander Leben Lernen -, der ihn beim Schwimmunterricht beim An- und Auskleiden hilft und mit ihm ins Wasser geht. Statt dem Turnen kann Dirk länger schwimmen. Die Schule hat jetzt sogar einen interessierten Sportlehrer gefunden, der auch ihn beim Schwimmen unterstützt. Wir sehen jetzt schon viel ruhiger in die Zukunft, da die groben Probleme behoben sind. Es werden sicherlich noch genug andere dafür auftauchen. Ich sehe da zum Beispiel eine Klassenfahrt, evtl. mit Übernachtung. Wer soll mitfahren? Wir Eltern? Nein, sagen wir uns, denn dann ist er immer mehr an uns gebunden. Dies möchten wir natürlich vermeiden. Vielleicht können wir ja einen Zivildienstleistenden preiswert (zahlen wir selbst) dafür gewinnen. Nun dies alles zeigt erst die Zukunft!

Schuljahr 1995/1996 (Klasse 5a Latein / Beginn Freitag, 18. 08. 1995, 8.00 Uhr)

Dirk ist in einer Klasse mit 25 Schülern und 3 Schülerinnen. Er hat als 1. Fremdsprache Latein gewählt. Die Mitschüler und Mitschülerinnen helfen Dirk beim aus- und anziehen der Jacke und der Mütze. Am Anfang wollten wir Dirk seinen E-Rolli nicht mitgeben. Wir hatten Bedenken, dass die Kinder damit Unsinn treiben würden. Deshalb kam mit dem Schiebe-Rolli zum Unterricht. Auch ist ein „Schiebedienst“ eingeführt worden. D. h. einer / eine muss Dirk in die Pause und zurück oder auf den Krankenstock zu den Toiletten bringen. Dort kümmert sich ein Pfleger um Dirk und setzt ihn auf die Toilette. Der Klassenverband muss sich noch zusammenraufen, aber trotzdem ist Dirk „Dirk“ und nicht der „Krüppel“ oder so. Sein schulischen Leistungen sind erwartungsgemäß etwas gesunken im 1. Halbjahr. Aber im 2. Halbjahr hat sich Dirk wieder gefangen und arbeitet besser mit. Dies sieht man auch an seinen Noten.

Schuljahr 1996/1997

Im Schuljahr 1996/1997 hatte Dirk hat seine 1. Klassenfahrt ( 5 Tage im Schullandheim, ohne Eltern – nur mit Zivildienstleistenden, 2 Lehrern und 27 Schülern). Es klappte alles reibungslos. Die Kosten für den ZiVi übernahm der Verein Miteinander Leben Lernen, die Unterbringungskosten der Förderverein der Schule. Durch die umsichtige Vorbereitung und Planung unter Berücksichtigung von Dirks Behinderung gab es keinerlei Probleme. Das einzige Problem das es gab: Die Batterie des Rollstuhls hielt nicht so lange, wie Dirk sie benötigte. Auch hier gab es Abhilfe: Dirk wurde einfach geschoben. Es war für ihn ein das erste Mal, dass er über einen solchen Zeitraum ohne Eltern unterwegs war.

Im Schuljahr 1997/1998 erfolgte die 2. Klassenfahrt. Diesmal mit Ihrem Latein- und Klassenlehrer Herrn van Hof nach Trier. Auch hier wurde alles behindertengerecht geplant und verlief alles reibungslos. Der Zivildienstleistende betreute Dirk während der Tagesfahrt. Auch hier wurden die Kosten von Miteinander Leben Lernen übernommen. Wir haben in diesem Jahr zum ersten Mal ein Grillfest der Klasse veranstaltet. Eingeladen waren alle Schüler mit Geschwistern und Eltern. Natürlich auch alle Lehrer. Der Wettergott hatte ein Einsehen und bescherte uns Sonnenschein und annehmbare Temperaturen. So wurde das Grillfest ein voller Erfolg. Alle waren sich einig: 1999 muß dies wiederholt werden. Gleichzeitig war es auch ein Abschiedsfest für die Schülerinnen der Klasse, da die Klassen der Stufe 8 neu aufgeteilt wurden.

Schuljahr 1998/1999

Die Klasse hat 11 Mädchen hinzubekommen. Die Klassenstärke beträgt jetzt 31 Schüler und Schülerinnen. Auch wurden die Lehrer ersetzt. Alle 3 Jahre erhalten die Klassen neue Lehrer.

Herr Burgart hat mit der Video-AG, in der Dirk ist, an einem Wettbewerb mit dem Titel „Geheime Gärten“ teilgenommen. Dieser deutsch-französische Wettbewerb findet alle 2 Jahre statt. Es wurde Dirks Alltag in der Schule und zu Hause in einem 8,5-Minuten-Film dargestellt. Sie platzierten sich mit diesem Film unter den fünf Besten im Saarland. Daraufhin wurden Sie und die anderen 4 Schulen zum deutsch-französischen Videofestival in die Kongreßhalle nach Metz eingeladen. Hier sollten die jeweiligen Landessieger gewählt werden. Leider erreichten Sie keinen der vorderen Plätze. Die Enttäuschung war groß, hat sich aber schnell gelegt. Dabei sein ist doch alles! Leider mussten wir wieder einmal feststellen, dass es in modernen Gebäuden – wie der Kongreßhalle in Metz – keine Fahrstühle und Behindertentoiletten gibt. Um mit Dirk zur Toilette zu gehen, mussten mir einige Klassenkameraden von Dirk helfen, um die fünf Treppenstufen zu überwinden. Hier sollten die Architekten doch etwas besser planen!

Das Grillfest 1999 mit der 8a war wieder ein großer Erfolg. Die Eltern haben Kuchen gebacken und Salate gemacht. Das Grillgut und Teller und Besteck wurde mitgebracht. Trotz schlechtem Wetter waren alle gut gelaunt. Das Fest wurde um 20.30 Uhr beendet.

Schuljahr 1999/2000

Die Mädchen integrieren sich nur schlecht in die Klasse. Es gibt ständig Reibereien. Wir veranstalten ein Grillfest für die Schüler/innen und Eltern. Dies wird leider von den Mädchen kaum angenommen.

Schuljahr 2000/2001

Wir veranstalteten wieder ein Grillfest für die Schüler/innen und Eltern. Auch diesmal ist kein Interesse der Mädchen vorhanden! Im September fuhr die Klasse nach Südfrankreich zur Surffreizeit. Wer wollte und konnte machte den Surf-Grundschein. Dirk fuhr mit einem Helfer mit. Es hat ihm sehr gut gefallen. Auch manche von den Klassenkameraden/innen hat die Gelegenheit genutzt und die Rollstühle ausprobiert. Sie fanden es Klasse, aber kamen doch zur Einsicht, dass es besser ist wieder allein aus diesem Aufzustehen und zu Gehen. Im Frühjahr steht noch eine 14-tägiges Betriebspraktikum an. Er hat in der Koordination Globus Betriebe in St. Wendel in der EDV sein Praktikum gemacht. Es hat ihm sehr gut gefallen. Die Maßnahmen für Dirk werden weiterhin genehmigt. D. h. er kann weiterhin aufs Gymnasium gehen!

Schuljahre 2002 bis 2004

Es hat sich viel getan. Die Jahre waren mit viel lernen ausgefüllt. Dirk nahm in dieser Zeit an einer Romfahrt teil. Diese verlief ohne Probleme dank der Hilfe der Lehrer und Mitschüler. Meine Frau hat Dirk hierbei begleitet. Rom ist sehenswert und auch für Rolli-Fahrer zu erobern. In Rom selber kommt man am besten mit der Bahn, U-Bahn oder dem Bus weiter. Alle sind behindertengerecht und auch die Italiener sind sehr hilfsbereit. Da können sich die Deutschen noch einge große Scheibe abschneiden!

Jetzt geht es auf das Ende zu. Dirk hat das schriftliche Abitur hinter sich und nur noch das mündliche folgt. Er wird keine Probleme damit haben. Der Abschlußball ist am 25. Juni 2004. Dann hat er es endgültig geschafft! Nun kann er sich auf den Führerschein konzentrieren. Diese Hürde hat er schon geschafft. Er darf den Führerschein machen.

Schlußwort

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Wir versuchen den Gedanken der Integration weiterzutragen. Hoffentlich fällt er auf fruchtbaren Boden und vermehrt sich rasch.

Viele Menschen sehen auch heute noch in einem Behinderten einen unnötigen Ballast. Leider wird hierbei aber übersehen, welch ein enormes Potential in ihnen steckt !!! Dieses sollte man nicht unterschätzen. In unserer Firma gibt es mehrere Behinderte, die ihre Arbeit genauso gut – wenn nicht sogar besser – wie die „Normalen“ erledigen. Sie werden voll akzeptiert! Man sollte auch mal daran denken, daß sie sich ihren Unterhalt selbst verdienen und nicht dem Sozialamt – wie sonst üblich, da ohne Ausbildung – zur Last fallen.

Denken Sie daran: Auch Sie können durch einen Unfall oder eine Krankheit zum „Krüppel“ werden. Sie glauben es trifft Sie nicht? Woher wollen Sie das wissen? Denken Sie einmal darüber nach! Behandeln Sie deshalb Behinderte so, wie Sie in der selben Situation behandelt werden wollen.

 

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